Zwischen Vergangenheit und Verlust: Almas Suche nach sich selbst

Cover von Alma von Federica Manzon

Eine Rückkehr nach Triest

Nachdem die dreiundfünfzigjährige Alma vor wenigen Wochen einen Brief ihres einstigen Geliebten Vili erhalten hat, in dem sie aufgefordert wird, den Nachlass ihres verstorbenen Großvaters entgegenzunehmen, reist sie in ihre Geburtsstadt Triest. Dort mietet sie sich ein Hotelzimmer und begibt sich auf die Suche nach Vili, den sie seit dreißig Jahren nicht mehr gesehen hat.

Erinnerungen, die in die Habsburgerzeit zurückführen

Soweit zum aktuellen Geschehen in dem aus dem Italienischen von Verena von Koskull übersetzten Roman Alma von Federica Manzon. Übergangslos wechselt die Autorin zu Ereignissen der Vergangenheit – ein Stilmittel, das vom Leser Konzentration verlangt, zumal der Roman konsequent im Präsens erzählt wird. Ein Großteil der Handlung spielt in der Habsburgerzeit, als sich im Café Stella Polare in Triest das mitteleuropäische Bürgertum traf. Auch Alma kehrt nach Jahrzehnten dorthin zurück, weil sie dort viele glückliche Stunden ihres Lebens verbracht hat.

Kindheit zwischen Karst und Canale Grande

Nach einem Streit ihrer Eltern mit den Großeltern zieht Alma mit ihnen auf den Karst, eine Gegend zwischen Ljubljana und Triest – ein Schritt, der ihr missfällt, da sie das Leben bei ihren Großeltern stets genossen hat. Im Alter von zehn Jahren stellt ihr Großvater sie im Stella Polare dem gleichaltrigen Vili vor, dem Sohn von Dissidenten und einem seiner Freunde. Was mit feindseligem Anstarren beginnt, verbindet die beiden später durch Politik – besonders nach dem Tod von Josip Broz Tito, Staatschef der Volksrepublik Jugoslawien. Sie nehmen an Demonstrationen teil, und erste Annäherungen entstehen.

Liebe, Krieg und ein zerfallendes Land

Als die inzwischen für eine Zeitung schreibende Alma Zeugin einer Umarmung zwischen Vili und einer anderen Frau wird, trifft sie sich häufiger mit Lucio. Währenddessen zerbricht Jugoslawien, und im Juni 1991 erlangt Slowenien überraschend seine Unabhängigkeit. Auf den Straßen sterben Hunderte durch Panzer der jugoslawischen Armee. Alma wird schmerzlich bewusst, dass Vili sich im Krieg befinden könnte – und dass sie ihn vielleicht nie wiedersehen wird. Sie sucht ihn und findet ihn schließlich, zusammen mit seinen Fotografien der Kriegshandlungen, die die grausame Realität dokumentieren.

Familiengeheimnisse und politische Verblendungen

Alma, deren Mutter ihr Studium zugunsten einer Ehe mit einem Slawen aufgab, musste schon als Kind damit leben, dass ihr Vater häufig „nach drüben“ ging und von zu Hause verschwand. Sie musste ihm versprechen, seine Ausflüge in den Osten nicht zu verraten. Sein Idol war stets Marschall Tito, dessen fehlerhafte Reden er nach eigener Aussage „bereinigen“ musste.

Triest als Schauplatz von Geschichte und Gewalt

Federica Manzon erwähnt in Alma die 1756 errichtete Brücke Ponte Rosso, die als erste über den Canale Grande führte und heute ein Wahrzeichen Triests ist. Sie erinnert zudem an den seinerzeit von Interpol gesuchten Željko Ražnatović, genannt Arkan, den sie als „grausamsten unter den paramilitärischen Milizen“ bezeichnet. Ebenso führt sie den vermutlich ermordeten Gelehrten und Sammler Diego de Henriquez an, dessen Werke im Triester Museum ausgestellt sind.

Ein Roman, der nachhallt

Manzon schreibt von Gräueltaten, denen ganze Dörfer samt Frauen und Kindern zum Opfer fielen. Die eindringlichen Schilderungen erzeugen beim Leser das Gefühl, selbst Zeuge zu sein – ein Eindruck, der sich tief in die Magenwände gräbt. Kaum ein Roman könnte den Zerfall der ehemaligen Republik Jugoslawien intensiver und realitätsgetreuer beschreiben, was seine Wirkung umso nachhaltiger macht.

Alma von Federica Manzon

Cover von Alma von Federica Manzon
Übersetzung von Verena von Koskull
Verlag Pfaueninsel 2026
Hardcover mit Schutzumschlag
320 Seiten
ISBN 978-3-69131-006-1

Bildquelle: Verlag Pfaueninsel

Hybride Bedrohung im Schatten Europas – ein Politthriller, der wachrüttelt

Cover von Im Sog der Zersetzung von H. Dieter Neumann

Warum dieser Roman nicht in große Verlagsprogramme passt – und gerade deshalb gelesen werden sollte

Wie H. Dieter Neumann in einer Randnotiz zu seinem Politthriller Im Sog der Zersetzung feststellt, wollen Leser „nicht mit allzu realistischen Szenarien … belästigt werden“. Genau deshalb, so schreibt er, hätte sein beachtenswerter Roman kaum in das Programm eines großen deutschen Verlages gepasst. Doch wer sich nicht von heiler‑Welt‑Geschichten einlullen lassen möchte und angesichts zweifelhafter Sicherheitsgarantien der NATO durch die USA im Ernstfall beunruhigt ist, wird diesen „vor einem sehr realen Hintergrund spielenden“ Roman über den „hybriden Krieg, den Russland immer entschlossener … führt“, mit großem Interesse verfolgen.

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Auf der Suche nach dem fehlenden Ende eines Traums

Cover von Der Traum des Nomaden von Jonas Pöltl

Ein junger Nomade und ein rätselhaftes Amulett

Mit siebzehn Jahren verlässt der in der Wüste geborene Nael seinen Stamm, um Traumdeuter aufzusuchen, die ihm seinen immer wiederkehrenden Traum erklären sollen. Als Diebe seine Trinkschläuche stehlen und ein Amulett mit einem schwarzen Skorpion zurücklassen, eilt ihm Cato, der Hofnarr des Sultans, zu Hilfe. Nachdem Nael dem Sultan vorgestellt wurde, setzt er seine Reise fort und trifft auf den Angreifer Dorian, der ebenfalls das ihm bekannte Amulett trägt. Dorians Bruderschaft verfolgt das Ziel, „die Welt so zu bewahren, wie sie heute ist“.

Begegnungen, Prüfungen und ein unvollendeter Traum

Auf seiner Reise begegnet Nael dem blinden Alvar, der ihn während eines Angriffs lehrt, Pfeile abzufeuern. Nael staunt über die Treffsicherheit des Blinden. Nach ihrem Abschied erreicht er den Tempel auf dem Berg und trifft dort auf vier Traumdeuter.

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Was KI wirklich kann – und wie man sie nutzt

Cover von Das kann KI von Andreas Erle

Ein zugänglicher Einstieg in die Welt der Künstlichen Intelligenz

Das Buch Das kann KI von Andreas Erle bietet einen praxisnahen Einstieg in die Nutzung moderner KI-Werkzeuge wie ChatGPT, Midjourney oder Copilot. Es richtet sich an Einsteigerinnen und Einsteiger und erklärt verständlich, wie man KI sicher, kreativ und effizient im Alltag und im Beruf einsetzt.

Der Autor beginnt mit einer grundlegenden Einordnung: Was ist Künstliche Intelligenz? Wie funktionieren moderne Sprachmodelle und Bildgeneratoren? Und warum erleben wir gerade jetzt einen so starken Entwicklungsschub? Dabei legt er Wert auf eine klare, verständliche Darstellung ohne technische Überfrachtung. Ziel ist es, Berührungsängste abzubauen und ein realistisches Verständnis der Möglichkeiten – ebenso wie der Grenzen – von KI zu vermitteln.

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Zwischen Villa und Armut: Alices Flucht in die andere Welt

Cover von Hinter Glas von Julya Rabinowich

Ein behütetes, aber kaltes Zuhause

Die achtzehnjährige Alice lebt mit ihrem Vater und dessen Ehefrau – einer ehemaligen Schauspielerin – in einer Villa mit Swimmingpool und einem großen Garten, den sie sich mit ihrem Großvater teilt. Dieser bewohnt die größere Villa nebenan gemeinsam mit einer Hausangestellten.

Eines Tages kommt mit Niko ein neuer Junge in ihre Klasse, in der man Alice – allen voran die boshafte Rosa – seit dem letzten Jahr das Leben zur Hölle macht. Nachdem sie von den anderen auf einer Wiese eingekreist wird, kommt ihr Niko überraschend zu Hilfe. Auf der Klassenfahrt erleidet Alice eine schmerzhafte Ohrentzündung und muss vorzeitig nach Hause. Umso erfreuter ist sie, als Niko plötzlich vor ihrem Haus steht, weil er sie vermisst habe und deshalb ebenfalls zurückgefahren sei.

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Zwischen zwei Welten: Mo auf der Suche nach sich selbst

Cover von Mo & Moritz von Julya Rabinowich

Ein Neuanfang wider Willen

Mo lebt mit seinen Eltern, seinem älteren Bruder Faris und seiner erst dreizehn Jahre alten Schwester Maryam in Wien; die Geschwister müssen sich ein Zimmer teilen. Nach einem Eklat muss er die Schule verlassen und weigert sich, auf Drängen seiner Mutter etwas zuzugeben, das er nicht getan hat. Durch einen Tipp seiner Schwester bewirbt er sich – in billiger Jeans und einem vom Vater geliehenen Mantel – bei einem piekfeinen Friseurladen um eine Ausbildungsstelle. Er kann sein Glück kaum fassen und erhält bei Meister Franz den begehrten Ausbildungsplatz.

Erste Irritationen und leise Gefühle

Als Mo sich mit einem Foto für eine Fotostrecke beteiligen soll, ist er drei Wochen später auf dem Cover einer Zeitschrift zu sehen. Während Maryam ganz hingerissen ist, kommentiert sein Bruder dies nur mit „Scheiß-Schwuler“, woraufhin der Vater ihn rügt: Keiner seiner Söhne würde eine solche Schande über die Familie bringen.

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Wenn die Nacht dem Wald die Augen öffnet

Cover von Wenn es Licht wird im Wald von Kaisa Happonen und Anne Vasko

Magische Begegnungen im Zwielicht

In elf Geschichten und einem Gedicht erzählt Kaisa Happonen in ihrem Kinderbuch Wenn es Licht wird im Wald, wie Bär Brumm dem Feuerfalter erklärt, dass man im Licht des Waldes sehen kann. Brumm will unbedingt entdecken, wo sich das erste Fitzelchen Nacht versteckt – so zumindest sagt er es einem seiner Freunde.

Am Seeufer singt der Schilfrohrsänger nicht nur am Tag, sondern auch noch in der Nacht. Doch in dem Moment, in dem der Abend zur Nacht wird und der Mond aufgeht, legt er eine Pause ein, um danach noch wilder nur für den Mond zu singen. Auf den schwarzen Federn des Stars glänzt der Mond, und wegen der Spiegelung auf seinem Federkleid trägt er ihn überallhin mit sich. Der Mond scheint aus seinen Augen zurück, und wenn der Star sie schließt, gehört der Mond nur ihm.

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Wenn Erinnerung trügt und Vertrauen zerbricht

Cover von Das Signal von Ursula Poznanski

Erwachen ohne Vergangenheit

Die mit dem Meinungsforscher Adam Decker verheiratete Viola wacht im Krankenhaus ohne Erinnerung an das Geschehene auf. Von einer Ärztin erfährt sie, dass sie einen Unfall hatte, bei dem sie sich neben einer Gehirnerschütterung drei Rippen brach und ihr linkes Bein verlor. Adam, mit dem sie seit fünf Jahren verheiratet ist und mit dem sie erst vor drei Monaten in ein abgelegenes, altes Haus gezogen ist, erklärt ihr bei seinem Besuch, dass er bereits eine Pflegekraft organisiert habe: Die aus Rumänien stammende Otilia werde bei ihnen einziehen. Da Viola vorerst keine Treppen steigen könne, müssten sie zudem auf getrennten Etagen schlafen.

Zweifel im eigenen Zuhause

Wieder zu Hause angekommen, stellt Viola irritiert fest, dass ihre App den Live-Standort ihres Ehemannes nicht mehr anzeigt. Zufällig stößt sie auf eine Werbung für Tracker, von denen sie ohne zu zögern zehn bestellt.

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Zwischen Trauma und Hoffnung – ein Roman, der nachhallt

Cover von Die Frauen der Familie von Katherena Vermette

Wer sind die Indigenen? Ein notwendiger Einstieg

Indigene sind die Nachkommen der ursprünglichen Bevölkerungen eines Landes – Menschen, deren Kulturen, Sprachen und Traditionen bereits vor der Kolonisierung existierten. Zu ihnen zählen unter anderem die Indianer Nord- und Südamerikas, die Aborigines in Australien, die Māori in Neuseeland, die Inuit der Polarregion, die Sami Nordeuropas sowie zahlreiche indigene Gruppen in Bolivien, Guatemala und Peru.

Katherena Vermette, selbst indigene Kanadierin, weist in ihrem Roman Die Frauen der Familie in einer einleitenden Warnung darauf hin, dass das Buch für viele Leserinnen und Leser mit traumatischen Erfahrungen belastend sein kann. Umso bewusster habe sie „Liebe und Hoffnung“ in ihre Texte gelegt.

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Wie wir die Welt sehen könnten, wenn wir wieder wie Kinder fühlten

Cover von Wir sind eins von Refiloe Moahloli und Zinelda McDonald

Die Kraft weniger Worte

Refiloe Moahloli gelingt es in ihrem Kinderbuch Wir sind eins, mit erstaunlich wenigen Worten eine große emotionale Tiefe zu erzeugen. Viele Sätze beginnen mit „Wenn ich …“ und lassen sich gedanklich mit „… in deine Augen schaue, sehe ich mich selbst“ fortsetzen. Gemeint ist stets dieselbe Botschaft: Ich bin du, und du bist ich. Der Originaltitel „I am you“ bringt dieses Prinzip klar zum Ausdruck.

Im Verlauf des Buches vertieft die Autorin diese Idee: Wenn ich dich mag, mag ich auch mich. Wenn ich mich um dich sorge, sorge ich zugleich für mich. Bin ich zu dir freundlich, bin ich es auch zu mir. Und wenn ich dich verletze, verletze ich mich selbst.

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